Album Kritik

Enslaved in Wien: Norwegians Finest zwischen Black Metal 1.0 und 2.0

Erstellt von Aamon | |   Album Reviews

Es ist eigentlich schon ungerecht, dass Enslaved als erstklassige Black Metal-Band mit dem eher kleinen Escape vorlieb nehmen müssen, aber so sind die Spielregeln: Entscheiden tun die Fans, wo man spielt. Wobei Zweifel schon angebracht sind, ob die Band nicht doch ein höheres Standing hat, der Escape Keller ist jedenfalls aus allen Nähten geplatzt, bedeutet: 200 Zahlende. Beim nächsten Wien-Besuch sollte aber zumindest die Szene Wien drinnen sein.

Nach den von uns verpassten Ketelens' Brukke aus Österreich gaben sich Schwarzkristall wieder mal im Escape die Ehre. Mit dem etwas zu dünnen Gitarrensound komm ich nach wie vor nicht ganz klar, aber die Band hat sich weiterentwickelt. Insgesamt doch wuchtiger und spieltechnisch besser zeigen die Jungs aggressiven Black Metal mit dem vollen Black Metal-Image-Programm.

Danach sind schon die britischen Black Metal 2.0-Black Metaller Winterfylleth an der Reihe, die ganz trendbewußt zeigen, dass die von Schwarzkristall zelebrierten Black Metal-Klischees für viele neue Fans, vor allem jene aus der Schnittmenge von Black Metal, Avantgarde, Trance und Postrock kein zwingendes Thema sind. Da stehen völlig imagefreie Briten auf der Bühne, denen man durchaus auch eine Punkrock-Show zugetraut hätte. Die gab's nicht, dafür eine trancig-rasende Melancholie-Black Metal-Mixtur, die ganz in der Tradition von Wolves In The Throne Room stand. Der optisch-musikalische Widerspruch war schon sehr amüsant, wobei der eh scheißegal war: Black Metal ist im Jahre 2013 einfach viel breiter aufgestellt, was Zielgruppen betrifft. Einen tut alle ohnehin nur die Liebe zu derartiger Musik und die gab's von Winterfylleth in fast perfekter Form: Schöne Harmonien, rasende Rhythmik und eine sympathische Truppe, die kraftvoll und souverän agiert. Der bereits randvolle Keller dankte es mit viel Applaus.

Man glaubte es kaum, aber es wurde noch voller und enger, als Enslaved mit CD-Sound in ihr Set einstiegen. Alle Escape-Konzert-Geher wissen, dass der Sound im Keller generell sehr gut ist, aber bei Enslaved war's der absolute Hammer. Das volle Brett, aber glasklar und herausragend abgemischt. Die Norweger hatten auch ein eigenes Mischpult mit, das fast übertrieben groß gewirkt hat im relativ engen Keller. Zählen tut aber immer das Ergebnis.

Nach dem atmosphärischen "The Sleeping Gods", dem Titelsong der auf www.enslaved.no frei downloadbaren gleichnamigen EP als Quasi-Intro zeigten Enslaved gleich mit "Riitiir" dem Titelsong des neuen Albums, dass sich Anspruch und Brutalität nicht ausschließen. Überragend gesetzte Rhythmen, Harmonie-Arbeit, die weiter als üblich führt und all das verpackt in perfekten Black Metal, der rockt wie Sau trotz aller Perfektion. Die Clear Vocals von Keyboarder Herbrand Larsen sind nahezu erstaunlich perfekt und geben den Songs die nötige Tiefe, seine anderen Sounds klingen niemals überladen, sondern nur cool. Die Enslaved-Fans wissen das natürlich und feiern die Band ab, wenngleich vielfach auch die innere Einkehr dominiert, der pure Genuß von Musik-Ästheten.

Mit der Setlist selbst muss man auch zufrieden sein, da neben Glanzlichtern wie "Ruun", "Isa" oder "Fenris" die neue Scheibe alle Bandtugenden noch perfektionierter als je zuvor zeigt und mit 4 Songs bedacht wird, auch wenn mein Album-Fave "Forsaken" nicht ins Live-Programm fand.

Nach den bekannten schrägen Grimassen von Fronter Grutle und einer leider kurzweiligen Show gab's mit der letzten Zugabe "As Fire Swept Clean The Earth" dann sogar noch den Show-Höhepunkt, da äußerst intensiv und genial gespielt.

Eigentlich hat diese Band, auch wenn sie zur Speerspitze des norwegischen Black Metals gehört, viel größere Möglichkeiten, das momentan enorm große Potential von Fans von anspruchsvollster Rockmusik zu erreichen. Vielleicht schaffens die Jungs ja in der Band-Spätphase dann in ein paar Jahren.

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