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Interview mit Dietmar Elflein - Hellhammer, Venom und Bathory spielen stinknormale Rocksongs

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Dietmar Elflein hat 2010 das Werk Schwermetalanalysen - Die musikalische Sprache des Heavy Metals rausgebracht. Ein wirklich beeindruckendes, sehr theoretisches Werk, das eigentlich sehr nüchtern analysiert, auf beeindruckende Weise Songs auseinandernimmt und wieder zusammensetzt und damit auch viel über die Entwicklung dieser Musik aussagt. ZUM BUCH

Ich habe mich an jenem Wochenende, als der Black Metal-Studientag auf der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien stattfand, mit Dietmar Elflein in einem Wiener Kaffeehaus zusammengesetzt und versucht, einige grundsätzliche Fragen aufzuarbeiten. Hier gibt's eine kurze Zusammenfassung des Gesprächs:

 

Wie bist du eigentlich mit Heavy Metal in Berührung gekommen?

Ich bin kein Metal-Fan in diesem Sinne gewesen. Richtig zum Metal bin ich über einen Freund gekommen, der beinharter Death Metal-Fan ist. Mit ihm bin ich dann mal aus Neugier mit auf ein Festival gefahren. Das war nett. Ich habe angefangen, mich für die Anfänge des Metals zu interessieren. Ich bin ja ein Quereinsteiger. Ich habe vorher 10 Jahre Theater gemacht. Studiert habe ich „Vergleichende Musikwissenschaft“.

Du hast also auch einen Background in Klassik, Jazz, etc.?

Vergleichende Musikwissenschaft hat viel mit außereuropäischer Musik zu tun. Mit Klassik selbst hatte ich nie was am Hut, bis heute nicht. Meine Genres sind aber sehr breit, von Free Jazz bis Folk. Ich habe aber über Rockmusik bereits meine Magisterarbeit geschrieben.

Wie bist du überhaupt dazu gekommen, ein Buch wie Schwermetalanalysen zu schreiben?

Was ich zuerst wusste oder nicht wusste, war ja anfangs sehr oberflächlich. Ich habe mir aber überlegt, in die Wissenschaft zu gehen, dazu musste man formulieren. Zuerst guckt man, was gibt es, was gibt es noch nicht, wo fehlt etwas. Was mich generell in der Musik-Forschung genervt hat: Es wird generell über alles geschrieben, nur nicht über die Musik selbst. Es gibt Material über Fans, über Kleidung, über Filme, aber nichts über die Musik. Mir war klar, wenn ich etwas mache, dann etwas Musik-analytisches.

...und dann war es das Thema Metal?

Ich habe festgestellt, dass mich diese Musik interessieren würde und es gibt bis auf ein Buch von Robert Walser (Running With The Devil) nicht viel und das war auch schon über 10 Jahre alt. Dann habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen und bin immer mehr ins Thema reingegangen. Und wie immer, wenn man sich intensiv mit etwas beschäftigt, lernt man vieles kennen, was man dann mag.

Von wo hast du gestartet, von der Hardrock-Geschichte, also von Led Zeppelin?

Ja. Led Zeppelin und allgemein das Thema Hard Rock  kannte ich.

Ab wo war das Thema für dich Neuland?

Black Metal war Neuland, aber auch mit Power Metal hatte ich vorher nie zu tun. Bands wie Helloween waren mir vorher nicht bekannt. Ich war aber schon immer beispielsweise Voivod-Fan, seit den Anfängen mit War And Pain.

Hast du damals die anderen Veröffentlichungen über Noise Records nicht mitbekommen?

Doch, aber die haben mich damals nicht interessiert. Slayer fand ich damals beamtig. Im Lyric Sheet stand damals: „Solo King“, „Solo Hannemann“, geht’s noch?

Welche musikalischen Elemente würdest du Voivod bescheinigen? Im Gegensatz zu klassischen Power Metal-Bands, was beispielsweise Harmonik betrifft?

Grundsätzlich ist Voivod eine Thash-Band, aber mit progressiven Elementen. Oft gibt’s einen verschachtelten Songaufbau und viel Tritonus. Ähnlich wie beim Song „Black Sabbath“, nur 2 Oktaven höher.

Du hast in deinem Buch Schwermetalanalysen die Riffstrukturen analysiert, den Song-Aufbau, die Riffs und den Puls.  Was verstehst du genau unter Puls?

Mit Puls meine ich diese unbetonte, schnelle durchlaufende Zähl-Zeit, das was man als mitwippen versteht.

Was ist eigentlich ein Riff?

Ein Riff ist einfach eine musikalische Idee, eine melodische Idee, die strukturbildend ist, die in sich abgeschlossen ist und als solche widerholt wird. (singt das Smoke On The Water-Riff)

Gelten Power Chords-Folgen auch als Riffs?

Es gibt eine Grauzone, wo man sagen kann, dass der musikalische Teil harmonisch motiviert ist und es eine Akkord-Progression gibt. Wenn sich alles nach dem taktbezogenen Akkordwechsel richtet, würde ich das nicht als Riff bezeichnen. Das ist dann harmonisch motiviert.

Das kommt im Metal nicht vor?

Seltener. Riffs kommen aus dem Blues-Denken. Das andere ist ein europäisches Pop-Denken.

Wenn wir uns mal den Rhythmus von einer Band wie Slayer anschauen, die einen eigenen Groove haben. Was macht diesen Groove aus?

Slayer ist gradzahliger im Rhythmus. 2,4, oder 8, selten 3 oder 6. Bei Maiden oder Priest und ähnlichen Bands gibt es viele Wechsel zwischen 3er-und 4er-Gruppen.  Das unterscheidet Slayer auch von Metallica oder Megadeth, die viele 3er drinnen haben, also keine 3er-Takte, sondern 3er-Gruppen. Ein klassisches Beispiel für eine 3er-Gruppe ist der Iron Maiden-Galopp.

Wie würdest du in Kurzform Iron Maiden-Songs analysieren?

Maiden verwenden gerne komplexe Strukturen und progressive Elemente, viele verschiedene Ideen, aber alles in einer Vers/Chorus-Struktur. Es gibt viele Zwischenspiele, die oft den längsten Teil eines Songs ausmachen, siehe Rime Of The Ancient Mariner.

Welche Einflüsse würdest du Iron Maiden unterstellen, auch abseits der Metalszene?

Wishbone Ash und vieles aus dieser frühen 70er-Progrock-Szene und auch English Folk, diese sind Einflüsse sind aber relativ indirekt zu sehen.

Hast du Beispiele für English Folk?

Songs wie The Trooper oder Aces High haben dieses britische Element. Diese Gitarrenmelodien. Man merkt an diesen Folk-Melodien, dass Iron Maiden auch Thin Lizzy mochten. Sie haben es nur anders interpretiert.

Wie würdest du  jemanden den Unterschied zwischen einem Black Metal, Death Metal oder Thrash Metal-Rhythmus erklären?

Thrash Metal hat oft diesen D-Beat (https://de.wikipedia.org/wiki/D-Beat). uf-ta-uf-ta-uf-ta, das kommt aus der Ecke Discharge (Hardcore-Punk-Vorreiter, d.V.). Eigentlich kommt wenig Double Bass zum Einsatz, sehr stark pulsbasierte Riffs und einen relativ kurzen Variationsteil.

Beim Death Metal ist die Double Bass wichtiger, es gibt ein hohes Tempo, die Riffs sind eher auf Skalen (Tonleitern) basierend. Weniger puls-orientiert, dafür findet  eine permanente Variation von der Melodie statt.

Beim Black Metal gibt’s schlagzeugtechnisch nichts spezifisch Neues, stattdessen diese ganzen Akkorde, aus denen versucht wird, Riffs zu bauen. Mehr Moll und Dur. Man spielt oft alle 6 Seiten der Gitarre gleichzeitig und lässt die Saiten klingen. Man hat immer auch Leerseiten dabei und erzeugt dadurch einen anderen Sound. Black Metal ist eine harmonischere Musik.

Tempo-mäßig sind die Stile weniger einfach zu unterscheiden.  Black Metal und Death Metal haben schnelle Teile und langsamere und verwenden Blastbeats.

Wann ist Blastbeat entstanden und wie würdest du ihn charakterisieren?

Abwechselnd schnelles Snare-und Bassdrum-Spiel, so schnell man kann. Er kommt ja von Napalm Death, vom Grindcore, von diesem Wettbewerb des Schnellspielens, also aus den mittleren 80ern.

Du hast in deinem Buch Schwermetalanalysen die Struktur der verschiedenen Riffs pinkelig genau aufgeschrieben. (4 mal Riff A, 2 Mal Riff B, Mittelteil C, 1 Mal Riff D, 2 Mal Riff D usw.) Wie lange bist du denn gesessen beim Entschlüssen der Songs? War das nicht aufwendig?

Doch (lacht). Das dauert schon seine Zeit. Ich habe an diesem Buch 3 Jahre gearbeitet. 1 Song hatte ich in 2-3 Stunden. Es kam natürlich darauf an, wie schwierig der Song ist.

Welche Unterschiede gibt’s zwischen den klassischen Hard Rock-Bands und Heavy Metal?

Die alten Hardrock-Bands waren viel blues-basierter, hatten einfachere Strukturen und waren mehr ans Blues-Schema gebunden. Sie haben   viel weniger Ideen verbraten als z.B. Judas Priest mit Freewheel Burning auf Defenders Of The Faith (Heavy Metal-Klassiker-Album, das im Buch Schwermetalanalysen auch besprochen wurde und das wir vorher beispielhaft besprochen hatten)  und da geht vieles auf Led Zeppelin zurück, es gibt ein Hauptriff, es gibt 1 oder 2 Nebenriffs, wie im Blues, damit geht man durch.

Was kann man vom  Blues-Rhythmus sagen, also nicht vom Song-Schema?

Er ist ein Zwischending. Es ist nicht walzermäßig, aber es ist auch kein ganz gerader Rhythmus, es ist dazwischen, eben ein Blues-Rhythmus, den auch Motörhead immer hatten, deswegen wurden sie richtigerweise auch immer als Rock'n Roll-Band bezeichnet. Metalbands sind eher gerade, sie spielen  entweder auf 2 oder 3, im puls-basierten Sinne. Das bedeutet dann, man schmeißt das Blues-Erbe raus aus der Musik. Bei Slayer ist nicht mehr viel Blues übrig, weil sie auch noch die 3 rausschmeißen.

Dieses Zwischenverhältnis zwischen 2 und 3 findet sich in den Riffs, wie die also zusammengebaut sind. Dieses Verhältnis von 2 und 3, also von 2er-Gruppen und 3er-Gruppen, also gerade   und ungeradzahlige Gruppen zu Noten kombiniert und zu Ideen zusammenpackt, findet man ganz häufig im Metal. Das findet man auch bei Maiden, das ist auch die Idee vom Maiden-Galopp. Slayer schmeißen das raus und machen alles wirklich geradzahlig. Black Metal setzt auf Slayer auf.

Wenn Power Chords nur auf 2 Saiten angeschlagen werden, ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit dem Bass eine benennbare Harmonie, also mit mindestens 3 Tönen?

Der Bass doppelt ganz oft den Grundton. Harmonie ist ja nichts anderes als gleichzeitig erklingende Töne. Dreiklang ist eine bestimmte Art von Harmonie, aber nicht mehr.

Fehlt bei 2 Tönen nicht der Charakter des eigentlichen Ausdrucks (beispielsweise Moll/Dur)?

Die europäische Musiktheorie braucht, um Zuschreibungen machen zu können, eine bestimmte Anzahl von Tönen. Hier haben wir also weder Moll, noch Dur. Natürlich löst der Bass aber auch auf oder erzeugt Spannung über Harmonien. Der Bass ist generell sehr unterbewertet.

Hast du den Eindruck, dass z.B. der Hauptsongwriter alleine das harmonische Ganze im Kopf hat?

Viele Musiker von früher haben keine Ahnung von Musiktheorie oder haben sich die Musik autodiktatisch beigebracht. Das bedeutet nicht, dass sie es schlechter können.  Es ist aber auch so, dass man natürlich immer besser wird, wenn man etwas jahrelang macht. Man weiß, was man musikalisch bewirkt, auch wenn man es oft theoretisch nicht benennen kann.  Es gibt aber zunehmend Musiker, die auch eine Ausbildung genossen haben und die Theorie gelernt haben. Das kann aber auch manchmal hinterlich sein.

Hast du bei deinen Recherchen bemerkt, dass Learning By Doing-Bands anders klingen, als Bands, wo die Hauptmusiker promoviert haben?

Schwer zu sagen. Metallica wäre eine solche Band, wo nur Clive Burton eine echte Ausbildung genossen hatte und die haben es sehr gut gemacht. Ein Vorteil kann sein, dass man einen eigenen Stil enwickelt. Mögen die Leute das, hat man Glück. Ein falsch angelernter Stil kann sich natürlich auch negativ auswirken. Man ist beispielsweise festgelegt auf einen einzigen Stil. Dieser eigene Stil fehlt andrerseits oft Leuten, die das gelernt haben.

Würdest du sagen, dass Metal keine akademische Musik ist?

Keine Popularmusik ist akademisch. Im Endeffekt ist es Tanzmusik.

Welchen Sinn hat dann eine Veranstaltung wie Black Metal - Studientag und Analyse-Workshop in der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien?

Es ist natürlich ein kultureller Ausdruck und eine Spiegelung der Gesellschaften, in denen wir leben. Wenn ich es von der geisteswissenschaftlichen Ecke beurteile, dann macht es Sinn, dass man sich mit dem, was in der Welt passiert auseinandersetzt. Ich möchte jetzt aber keinen richtigen  Studienlehrgang daraus machen.

Du hast bei dieser Veranstaltung folgenden Vortrag gehalten: Ordnung und Chaos – Wieviel Metal steckt im Black Metal? Im Workshop danach ging es unter anderem um das Satyricon-Video von Mother North. Was war generell deine Intention?

Es wurde und wird unglaublich viel über Black Metal Ideologie geredet, aber mit der Musik hat sich  noch niemand beschäftigt. Ich ja auch nicht und deshalb hab ich in diese Richtung gearbeitet und mal geschaut, um was es da eigentlich geht. Ein Song wie Mother North reicht auch nicht aus.  Ist dieser Song typisch, ist er untypisch? Kann man irgendetwas sagen, was über den Song hinausreicht?  Schlußendlich ist dieser Song übrigens sogar ein untypischer Song.

Der Song ist ein Klassiker des Black Metals mit Pagan-Elementen und Schunkelelementen. Gleichzeitig hat er einen Progressive Rock-Einschlag in den Mittelteilen. Untypisch für Black Metal ist der Song, weil es einen Chorus gibt, den man in diesen Black Metal-Zeiten der Entstehung eigentlich selten findet, weil dieser Stil der Verweigerungshaltung zum Opfer fiel. Der Song hat gezeigt, dass die Band gerne auf große Bühnen und nicht im Underground verweilen wollte. Das hört man.

In deinem Vortrag hast du dir die Frage gestellt, wie viel Metal im Black Metal steckt…

...weil man sich ja abgrenzt.

...und was ist dein Fazit?

Viel Metal steckt im Black Metal. Viel Progessive Metal und viel Thrash.

Weniger Death Metal?

Ja, definitiv wenig Death Metal!

Interessanterweise gibt’s aber gerade die Stilistik des Death Black Metals!

Ja, die haben das später auch gemixt. Wäre bereits viel Death Metal drinnen gewesen, gäbe es das ja bereits und man bräuchte kein neues Wort. Was Florian Walch in seinem Vortrag auch explizit gesagt hat, dass beim Gründungsmanifest vom Inner Circle in Norwegen eine klare Abgrenzung zum Death Metal stattgefunden hat. Sie wollten alles anders machen als im Death Metal.

Wenn du Black Metal nochmals hinischtlich der Puls-Frage betrachtest?

Einseitig, unglaublich starr. Ganz viele 4er und 8er. Die Harmonik entwickelt sich ganz leicht nachvollziehbar. Es läuft auch nicht der eine Akkord 7 mal, der andere 9 mal und der nächste 12 mal, was sie ja auch machen könnten. Es geht z.B. in Richtung 4, 8 16, damit man in einer gleichmäßigen Bewegung bleibt. Black Metal ist damit sogar Volkslied-nah. Von der Melodik ist es sehr Volkslied-nah.

Kann man beim Songaufbau sagen, Black Metal-Songs sind vorwiegend im Vers-Chorus-Schmema aufgebaut?

Nein, das scheint eher weniger eine Rolle zu spielen. Es geht eher um Reihungen und dann platziert man den Text auf Riffs. Chorus eher weniger. Chorus ist auch nicht episch. Episch bedeutet ja einen langen Aufbau und ein Chours bringt das ja zum Einstürzen.

Und wenn der Chorus hymnisch ist?

Dann wäre es der Mother North-Kompromiss.

Venom haben ja Black Metal als Quasi-Rock'n Roll-Band erfunden?

Die ganzen Vorläufer, Hellhammer, Venom, Bathory, das ist ganz spannend, auf die sich alle beziehen, spielen musikalisch keine Rolle, haben also musikalisch keinen Einfluss. Hellhammer, Venom und Bathory spielen stinknormale Rocksongs,  mitVers/Chorus, wie Motörhead. Alle 3 Bands sind sogar massiv Motörhead-beeinflusst. Bei Bathory meine ich natürlich die Alben vor ihrer Viking-Phase.

Wir bedanken uns bei Dietmar Elflein für dieses Gespräch

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