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Paradise Lost in Wien: Die düsteren Briten verbreiteten viel gute Laune

Erstellt von Aamon | |   Story

Paradise Lost erleben momentan ihren herbstlichen Frühling, was die Karriere betrifft. Sie haben nach dem superbem The Paque Within-Album mit Medusa ein astreines Underground-Album nachgeschoben, das ohne Hits auskommt, derb klingt und klassische Genre-Musik darstellt, also weniger Gewicht auf Songs legt, sondern mehr ein Genre-Flair rüberbringen will, in diesem Fall könnte man das als Death Doom bezeichnen. 

Ich war mir nicht sicher, ob ein Montags-Konzert von Paradise Lost  in der SimmCity wirklich viel Zuschauer findet. Die Location hat noch zu wenig Geschichte. Dort geht man 2017 nur hin, wenn man eine Band unbedingt sehen will, aber die Hütte war echt gut gefüllt!

Man erreicht die Location eigentlich sehr simpel direkt mit der U6 (Enkplatz in Simmering), aber das Flair dieser Halle im ersten Stock eines Einkaufszentrums hält sich doch in Grenzen. Geht man rauf, steht man in einem viel zu großen Foyer, wo sich die einzelnen Merch-Stände und der Bierstand regelrecht verlieren. Das könnte man sicher noch optimieren. Das Flair selbst erinnert an klassische Mehrzweckhallen und gewinnt auch nicht durch den Pakettboden. Womöglich muss man öfter dort gewesen sein. Die Bühnen-Sicht selbst ist gut, die Bühne rießig und die Halle bietet wohl ähnlich viel Platz wie die große Arena-Halle. 

Vor der Show werden auf einer riesigen Leinwand ständig Werbeclips gezeigt. Hoffentlich breitet sich diese Unsitte nicht aus. Das zerstört einfach jegliches Konzert-Flair.

 

Als die Portugiesen von Sinistro die Bühne entern, füllt sich auf einmal die Halle bereits etwas, aber viel Applaus gibt's nicht. Die Band agiert avantgardistisch, die Musik beinhaltet viel Trance, einiges an Elektronik, kommt also im Fahrwasser von Sludge, Trance und Doom gut rüber, repräsentiert aber eher die überproduzierte, elektro-rockigere Variante davon. Frontfrau Patricia Andrade ist über ihre extrem schräge Gestik unbedingter Blickfang der Band. Leider verlieren sich die wenigen, überlangen Songs aber doch etwas in gepflegte Langeweile.

Leider war das Konzert auch viel zu laut und schrill. Ich bin zum Mischer, der sich tatsächlich kooperativ zeigte und tatsächlich einen Gang zurückschaltete, zumindest im Minimalbereich. Zuletzt hatte ich das Vergnügen eines ähnlichen Sounds bei Manowar in Bratislava 2016, da war die Hütte voll, also bin ich beim Argument der noch nicht vollen Halle skeptisch.

 

Pallbearer gehören zu einer interessanteren neuen Gattung Bands. Die Amis spielen stlistisch einen Mix aus Power Metal (Gesang, teilweise Melodik), Sludge und Trance. Das ist doch eine interessante Richtung und die meisten jener Bands, die diesen neuen Style zum Ausdruck bringen, kommen interessanterweise aus den USA. Die Bands agieren, was Text und Artwork betrifft, sehr spirituell bis naturell inspiriert. Die Musiker selbst sind gestylt  im Grunge-Look zwischen Stoner Rock, Doom und Vintage,  obwohl auch das optische und musikalische Black Metal-Element nicht vergessen wird. Die angebotenen Alben bestechen durch wunderschöne Artworks und auch das verkaufte Patch ist ziemlich schräg und erinnert an die Hemd-Patches von National Parks-Mitarbeitern.

Was macht die Mucke aus? Sehr coole Riffs, teilweise stoisch dargebracht, hervorragende Soli und Breaks, ein relativ hoher Gesang mit coolem Effekt, der richtig cool und unaufgeregt rüberkommt im Gegensatz zum Gesang vieler Kollegen im klassischen Power Metal-Bereich.  Auf alten Metal-Alben hätte man den Songs treibenden Charakter attestiert. Selbstverständlich sind sie überlang, meist getragen, selten mitreissend. Auffällig ist das fantastische Bass-Spiel, die Exaktheit und die enorme Power. Vielleicht kann sich noch jemand an The God Machine erinnern. Einiges dieser Musik erinnert mich an diese fantastische Band aus den 90ern. Die Band erntet sehr gute Publikumsreaktionen und wird sicher in den nächsten Jahren noch bekannter werden.

 

Paradise Lost haben nach 2 starken Alben selbstverständlich auch eine deshalb logischerweise gute Setlist am Start. Einerseits nur großartige Songs der letzten beiden Alben, dazu noch die Klassiker.  Leider startet man zwar energisch ins Set, aber mit etwas limitiertem Klang, der schlechter war als bei Pallbearer, sich aber danach besserte.

Auffällig, wie agil Gitarrist Gregor Mackintosh 2017 drauf ist. Der Typ fetzt hemmungslos drauflos und agiert positivst gelaunt. Ich habe ja Paradise Lost bereits sehr oft erlebt und sie waren früher definitiv etwas lascher. Der neue Song From The Gallows startet eine richtig coole Show, bei der die Stimmung über die gesamte Dauer überraschend gut war. Man glaubte sogar den Worten Nicks, dass dies eine der allerbesten Monday-Shows ever war.

Höhepunkte waren das melodische An Eternity Of Lies, das überragende Faith Divides Us - Death Unites Us und das gigantische Doom-Monster Beneath Broken Earth. Auch Erased (2002), als klassischer, britischer Gothic-Stampfer im Stile von The Sisters Of Mercy konzipiert und in einer schwächelnden Bandphase entstanden, kam ziemlich gut an.

Am Ende kamen mit No Hope In Sight, The Longest Winter und dem großartigen Say Just Words von Draconian Times (1995) 3 fantastische Rausschmeißer zum Zug, die nach 16 Songs eine äußerst kurzweilige und fette Show beendeten. Interessanterweise wurde gerade in Wien As I Die nicht gespielt. Stattdessen wurde das eh viel stärkere Eternal von Gothic (1991) gebracht. 

 

Seitdem Gregor mit Vallenfyre seine brutale Seite wieder gefunden hat und seit Nick wieder growlt, sind Paradise Lost stärker denn je zuvor. 

Konzert-Datum: 16. Oktober 2017

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