Interview

Doom Over Vienna 2018 Tag 2

|   Special

DOOM OVER VIENNA XIII - november 9th & 10th 2018 at Viper Room Vienna

Doom Over Vienna ist die musikkulturelle Antithese zur immer berechnender agierenden Mainstream-Musikszene, wo Wegclick-Parameter im Streamingbereich immer wichtiger werden. Doom-Songs dauern in der Regel länger, schwelgen, öffnen sich, nehmen dich auf eine langen Reise mit, wo es oft erst am Ende des 15-minüten Songs zur Auflösung kommt.



Doom entspannt auch. Ein großer Prozentsatz des klassischen Doom-Auditoriums steht besonnen vor der Bühne und wirkt in sich gekehrt entspannt. Ich neige zur Ansicht, dass Musikvorlieben viel mit grundsätzlichen  Einstellungen und Charakteren zu tun haben. Hier wäre eine durchdacht gemachte Feldforschung sicher spannend.



Doom umströmt auch immer eine Aura des Vor-Modernen. Interessanterweise sind mittlerweile auch viele Hipster mit an Board und es scheint durchaus nicht im Widerspruch mit der Moderne zu stehen, wenn man sich 10-minütige fordernde Emotions-Hymnen reinzieht.

 

Die Doom-Szene vereint grundsätzlich viele Subgenres von klassischem Metal, über Prog, Avantgarde bis Black Metal, auch total trendige Bereiche. Das Doom Over Vienna geht aber nicht den Weg des Ausverkaufs und schnellen Trends und hat deshalb zu kämpfen. Wäre es anders, würde das Doom Over Vienna als  Sold Out-Festival im Gasometer stattfinden und nicht im Viper Room. Schaut man sich das diesjährige, wie immer von Veranstalter Jürgen und seinem Soundwall-Team liebevoll zusammengestellte Billing an, erkennt man, dass der Hipness-Faktor quasi keine Rolle gespielt hat. 

 


Wie immer geht das Festival über 2 Tage, wie immer kommen einige Leute fürs ganze Wochenende nach Wien gereist. Wir haben uns den Samstag näher angeschaut, weisen aber darauf hin, dass es auch am Freitag bereits entscheidende Höhepunkte im Programm gab. Mirror Of Deception, als eine der legendärsten und dienstältesten deutschen Doom-Bands hatte sich angesagt und das Publikum mit ihrem sehr melodischen Stil begeistert. Aber auch mit Mood (HU), Iron Void (GBR) und Apostle Of Solitude (USA) gab es internationalen Doom der Sonderklasse.


Mirror Of Deception
, die Band von Jochen Fopp, der das legendäre Doom Shall Rise-Festival in Göppingen organisiert hat und damit auch einer der wesentlichen Szene-Begründer ist, war nicht zuletzt deshalb in Wien, um ihre neue CD The Estuary zu präsentieren. Die CD wurde der Band erst kurz vorm Abflug nach Wien frisch ausgeliefert.


Als wir am Samstag ankamen, war der Vorplatz des Viper Rooms bereits voller rauchenden Fans. Auch wenn man sagen könnte, dass der legale und illegale Rauch gut zu einer Musik wie Doom passt, ist es schön zu sehen, dass das selbstauferlegte Rauchverbot im Club wunderbar durchgezogen wird.



Arctic Sea Survivers aus Graz hatten ihre Show bereits durchgezogen und konnten mit ihrem atmosphärischen Sludge Doom bereits einige anwesende Fans überzeugen. Es gab viele gute Kritiken nach der Show.

 

Hands Of Orlac waren  eine sehr brave Angelegenheit. Die junge Band aus Rom  war bedacht, die Songs fehlerlos zu bringen. Der Show-Faktor war noch nicht vorhanden. Zum Teil liegt das sicher am noch jungen Alter der Musiker und MusikerInnen, zum Teil ist man musikalisch generell etwas bieder unterwegs. Das Flötenspiel hatte etwas von Schul-Orchester. Die Band kann in ein paar Jahren grandios sein. Die Ansätze sind ja wirklich sehr gut.



The Spirit Cabinet aus den Niederlanden ist die Doom-Band vom Urfaust-Mastermind IX. Jedenfalls fungiert er dort als Frontmann. Bei Urfaust ist er auch für die Gitarre verantwortlich. Anfangs war der Sound ziemlich schlecht. Laut  und etwas zu schrill, aber nach kurzer Zeit hat sich das gebessert und die Songs kamen wirklich fett beim Publikum an. Brutale, sogar an Celtic Frost erinnernde Riffs, klassischer Hardrock, eruptive Black Metal-Rasereien, alles war hier dabei und den Gesang erkannte man sofort raus. Ausdrucksstark und anklagend, ziemlich emotional. Sehr viele im Publikum, einschließlich meine Person selbst, wussten zuerst gar nicht, dass hier der Urfaust-Typ am Werken ist. Die Show war dann natürlich eine positive Überraschung und sehr stark. In Kürze erscheint wohl ein neues Album dieser Band.



Woebegone Obscured aus Dänemark ist eine sehr junge Truppe und sie agiert nicht zimperlich. Sehr brutal ist ihr Funeral Doom, einiges an Black Metal-Elementen ist dabei, die Songs sind sperrig und intensiv. Auf dem Album ist das phasenweise mühselig zu hören, live fährt es aber doch voll rein. Tolle Show der Dänen!


Alunah aus Großbritannien sprechen eher die hipen Doom-Fans an,  eine klassische Svart Records-Band, sie klingen elegisch, organisch und auch psychedelisch, aber auch Doom-rockig. Der Gesang von Frontfrau Siân Greenaway ist ausdrucksstark und hat diese expressionistischen Anteile, die sehr typisch sind in der momentan. Es ist der erste Gig der Band mit der neuen Sängerin, die aber souverän wirkt und durch ihre grazile Art sehr gut  rüberkommt. Auch Sex-Appeal ist in der Doom-Szene angekommen. Alunah sind eine tolle Band, sehr melancholisch und ausdrucksstark, auch sehr gehoben im Anspruch.


Black Oath kommen aus Italien und sind die vorletzte Band des Abends. Die Italiener sind in der Doom-Szene bereits bekannt. Ein wenig Black Metal meets Mönchskutten-Optik ist angesagt, obwohl die Band das gar nicht nötig hätte. Die Jungs spielen einfach großartig. Jedes Riff ist klasse und hat Style. Die Musik ist zwischen klassichen Metal und Black Metal angesiedelt und klingt live etwas rauher als auf Tonträger. Der Gesang ist im Klargesang-Bereich durchaus hoch, aber hat auch eine tiefe Ausstrahlung im unteren Bereich, je nach Song. Sehr melodisch agieren die Italiener, aber auch kraftvoll. Das neue Album Behold The Abyss ist gerade erschienen, wurde an diesem Abend frisch verkauft und ist nebenbei bemerkt ein richtig gutes Album mit getragenen, sehr melancholischen Metal-Songs und einem wirklich coolen, weil nicht aufgedonnerten Drum-Sound. Die Band kann gute Songs schreiben, die hängenbleiben.



Castle, eine Sludge/Doom-Band aus Kalifornien schließen den Abend ab. Dieses explosive Trio hat mit klassischem  Doom eigentlich nicht so viel am Hut. Ich würde eigentlich von Proto Metal-Riffs reden, die teilweise   in den Grunge reinreichen, auch wenn man derartiges Riffing natürlich gleich als eher bluesigen Sludge bezeichnen kann. Die Gitarre wirkt aber im rhythmischen Bereich dennoch sogar thrashig. Die Front-Dame am Bass ist hysterisch aufgekratzt und agiert, als wäre sie in die Espresso-Maschine gefallen. Erstaunlicherweise wirkte die Dame noch sehr ruhig, als sie vorab beim Merch gesessen ist. Womöglich sind Castle die härteste Band des Abends. Auf jeden Fall war auch das eine coole Show.



Das Publikum war dieses Jahr wieder eher ruhig als aufbrausend. Als Doom-Fan steht man gerne da und genießt. Kopfwippen ist fast das Maximum an Interaktion. In den ersten Reihen geht natürlich auch hier die Post manchmal ab, auch wenn Moshpits verpönnt sind.



Gerade live zeigt sich einmal mehr die volle Wucht des Dooms. Auf den Alben klingen viele dieser  Bands, die in der Szene einen guten Namen haben, oft zu dünn, live aber entfaltet sich dann die volle Pracht.



Im Doom-Bereich haben Top-Bands oft tatsächlich nur Underground-Status. Hier geht es in erster Linie um Vibes und Feelings, auch wenn man dem großartigen Veranstaltungs-Team wünscht, hier endlich auch mal mehr rausholen zu können finanziell. Selbstverständlich gönnt man auch den Bands einen größeren Erfolg vom Herzen, weil:

Die Musik ist an sich durchaus mehr Menschen ansprechen könnte, auch wenn hier natürlich  ehrenvolle Werte transportiert werden, die bekanntlich nicht so wirklich massenkompatibel sind.

 

https://www.facebook.com/DoomOverVienna/

 

Apostle of Solitude (USA)
Castle - Metal Band (USA/CAN)
Black Oath (ITA)
Mirror of Deception (GER)
Alunah (GBR)
Mood (HUN)
Iron Void (GBR)
King Heavy (CHL/BEL),
The Spirit Cabinet (NLD)
Hands of Orlac (SWE[/ITA])
Woebegone Obscured (DNK)
Death The Leveller (IRE)
Arctic Sea Survivors (AUT)
Old Night (HRV)

Organized by Soundwall Entertainment

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