Interview

Therion - Beloved Antichrist

Erstellt von Aamon | |   Album Reviews

Wenn die Gesten zu groß sind, wird man hellhörig. Bei Therion existiert sicher ein Widerspruch zwischen dem eigenen Anspruch und der musikalischen Wirklichkeit. Ich bin ja mit Lepaca Kliffoth (1995) und Theli (1996) eingestiegen. Beide Alben haben mir damals sehr gut gefallen. Danach wurde die Band immer zweifelhafter. Gut, die Summer Time City-Coverversion von ABBA war großartig und das dazugehörige Video erst recht, aber viel hat mich später nicht mehr vom Hocker gehauen. Im Gegensatz dazu standen die angeberischen Interviews des angeblich so großen Künstlers und Visionärs Christofer Johnsson. Wobei: Das Chanson-Werk Les Fleurs du Mal (2012) fand ich als Idee richtig gut. Ideen hat er ja auch, der gute Mann, aber die Umsetzung ist oft nicht geschmackssicher, aber hören wir mal in dieses 3!-stündige Mammut-Werk rein.

 

Als Klassik-Liebhaber und Metal-Fan bin ich eigentlich klassische Therion-Zielgruppe, aber ich kann mich nur für Teile der Songs erwärmen, einiges ist schlicht zu einfältig und banal. Zusätzlich habe ich ein Problem mit den 15 Vocalisten, die sich auf diesem Werk tummeln, womöglich ist es aber auch nur die Mixtur aus Operngesang, den teilweise banalen Harmonien und dem noch banalerem Drumming im Hintergrund, das so zweifelhaft wirkt. Johnsson wollte eine Oper schreiben, sein Lebenswerk. Wenn er erzählt, dass er bereits mit 12 Jahren begonnen hat, eine Oper zu komponieren und erst später eingesehen hat, dass er eigentlich ein Rockmusiker ist, dann klingt das alles im ersten Moment spannend, aber wenn man sich die bisherigen klassischen Banalitäten der Band vor Augen geführt hat, dann darf man hier doch vermuten, dass der gute Mann auch ein wenig an Selbstüberschätzung leidet. 

 

Einige Instumental-Passagen sind wirklich schön, auch einige Songs sind richtig schwermütig und gehen tief, aber immer wieder setzt dann diese klägliche Rhythmus-Gitarre ein, die die Songs in Richtung  Kuschel-Klassik-Kommerz treibt. Wenn dann noch die Drums einsetzen, klingt's richtig geschmacklos. In dieser sehr eindimensionalen, simplen Instrumentierung verlieren sich auch die Gastsänger des öfteren im Nirgendwo.

 

Man höre sich z.B. einen Song wie Anthem an. Wenn die Die Toten Hosen eine Oper bringen würden, würde das wohl so ähnlich klingen. Eigentlich fast schon wieder gut.

 

Das Grundsatz-Problem ist aber bekannt. Verträgt sich Orchester mit Metal? Bis auf das legendäre Werk Yeah! Yeah! Die! Die! Death Metal Symphony in Deep C (1996) von Waltari habe ich noch selten Gelungenes gehört, weil meist Kantenlosigkeit vorherrschend war, weil es fast immer im reinen Kitsch gemündet hat. Coole Irrwitzigkeiten gibt's auch auf diesem Werk kaum. Eine wirkliche Antwort auf dieses Problem des Crossovers von Klassik und Metal habe ich aber auch nicht. Normalerweise sollten die beiden sehr epischen Musikgattungen sehr gut zusammenpassen. Vielleicht wurde einfach noch zu wenig gemacht in diese Richtung. Es ist ja auch ein sehr aufwendiges Verfahren und spielt man solch ein Werk mit richtigen Musikern ein, kostet das ein Vermögen. Das muss man Christoffer Johnsson alles hoch anrechnen. Vielleicht hätte er dieses Werk aber auch einfach kürzen sollen. 

 

Wenn die Opern-Diven in dieser künstlichen Manier konstruiert klingende Linien singen und die kläglichen Metal-Arrangements treiben die platten Song-Fragmente völlig simpel nach vorne, dann habe ich Zweifel, ob das wirklich  geschmackssicher ist. Oder hören wir in den Track Night Reborn, ein klassischer Metal-Song, zu dem dieser Opern-Gesang einfach überhaupt nicht passt im Vers. Der Gesang steht alleine und kooperiert einfach nicht mit der Musik.

 

Oder hören wir  uns Temple Of New Jerusalem an. Der Song startet als Oper und geht danach in einen ultra-banalen Metal-Song über, der für sich alleine ohne Beiwerk  gar nicht bestehen würde.

 

Shoot them Down! startet fast als klassischer Hair Metal-Song, als echter Rocker, um danach in Operngesang ertränkt zu werden. Ich bin ein offener Mensch, aber das klingt nur albern, vor allem auch  substanzlos, was  Musik-Harmonik betrifft, die hier zu kurz kommt, vor allem, wenn man bedenkt, was die Band großes vorhat.

 

Am Ende erwähne ich noch einen Song, der die Banalität so richtig aufzeigt: Day Of Wrath startet derartig simpel und belanglos, dass man es kaum fassen kann, klingt wie ein schlecht komponierter House Of The Rising Sun-Abklatsch und endet in der ganz großen Langeweile.

Man muss aber auch erwähnen, dass die Band auch früher nicht wirklich besser war. Vielleicht hätte man einfach die Hälfte weglassen sollen. Dann wäre die Qualität gestiegen. Hier bewegt sich doch alles im quantitativen Rahmen von 46 Song-Versuchen.

 

Textlich ist diese Rock-Oper übrigens von Vladímir Soloviovs "Kurze Erzählung vom Antichrist" inspiriert. Darüber denke ich gar nicht nach. Ein doch eher sinnbefreites Religions-Geschwurbel ist Ausgangspunkt dieses so groß angelegten Projekts.

 

1 Punkt gibt's für die große Vision

1 Punkt gibt's für die sicher sehr aufwendige und schwierige Produktion und all das Management, das hier sicher irre war.

1 Punkt gibt's für die Gastsänger, die sich redlich bemühten.

1 Punkt gibt's für die Frechheit, sich als so großer Ausnahme-Künstler darzustellen und dann Schlager-Klassik zu bieten.

Metalpresse-Kritik: 4/10 Punkte 

 

 

 

 

 

 

 

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