Interview

Rammstein - Same

Erstellt von Aamon | |   Album Reviews

Rammstein sind die letzten Monate das Objekt der Begierde im deutschen Feuilleton. Kaum eine der nennenswerten deutschen Qualitätsmedien hat die Band nicht im Visier. Meist geht es um den politischen Zündstoff der Band und ihre popkulturelle Bedeutung. Selten um die Musik. Selbst bei den neuesten Reviews zum neuen Album geht es ausschließlich um den textlichen Inhalt und weniger um die Tonkunst der Provokateure. 

Sicher ist es interessant, wenn ältere Herren noch immer mehr Gefahrenpotential verbreiten und anecken als junge Musiker, die momentan leider vielfach sehr weichgespült und schaumbegbremst rüberkommen. Nicht weniger interessant ist es, wenn man sieht, dass sündteure Videos nach wie vor für Rekord-Zuschauerzahlen sorgen können auf YouTube.

Viele der textlichen Analysen sind wenig interessant. In den meisten Fällen wird der Band Beliebigkeit unterstellt, dabei ist dieses ewige Für und Wider in Till Lindemanns Texten ein altes Trademark in seinem lyrischen Schaffen. Es zeigt viel mehr einen Menschen, der linke und rechte Ecken provoziert und sich schlußendlich für eine humanistische Mitte entscheidet, die aber fast immer, wenn sie nicht sexuell motiviert ist, auch in brachialer Kritik ausartet, die aber eben immer wieder relativiert wird.  Ein religionskritischer Song wie Zeig dich ist dann auch ein gutes Beispiel dafür, aber auch der Song Ausländer zeigt die Ambivalenz der Texte von Rammstein.

Interessanterweise bleiben die rechten Vorwürfe gegen die Band aus bestimmten gesellschaftlichen Ecken nach wie vor bestehen, obwohl die Band diesbezüglich über jeden Verdacht erhaben ist. Auch das wäre ein Aspekt, der obige These bestätigen würde. Rammstein selbst sind textlich weniger politisch, als ihnen unterstellt wird. Die meisten Songs handeln von sexuellen Begierden und menschlichen Abgründen, auch wenn immer wieder die Liebe selbst in durchaus positiver Natur besprochen wird. Nachzuhören im sehr sentimentalen, fast schon naiven Liedchen Diamant

Als extremstes Lied gilt bisher der sehr verstörende Song Puppe. "Und dann reiss ich der Puppe den Kopf ab" schreit Till hysterisch im Refrain. Das klingt in der Tat nicht rund, sondern äußerst hölzern und kantig. Sowas hört man wirklich ganz selten. Hier wurde rein gar nichts glattpoliert, was musikalisch-textliche Metrik betrifft. Das fährt wirklich extrem ein, muss man anerkennen.

 

Neben dem bekannten Epik-Song Deutschland und der Kraftwerk-Hommage Radio, das klassischen Ohrwurm-Charakter hat, gibt's aber noch einige Songs, die musikalisch richtig gelungen sind. Tattoo und Hallomann sind klassische Rammstein-Songs. Ersterer ist klassischer Rammstein-Stoff und groovt wie Sau. Der Abschluss-Track Hallomann ist hochmelodisch durchkomponiert und erinnert in seiner melancholischen Ausdrucksweise sehr an die Songs vom Rosenrot-Album. 

Sex hat einen echt lässigen Refrain und ist einer der stärksten Songs des Albums, aber auch das hochemotionale Was ich liebe mit sehr schönem Lamento-Bass und das sehr coole Weit weg sind mehr als gelungen. Letzterer Song hat geniale Keyboard-Flapsigkeiten, die auch auf jedem genialen Prog-Album stehen könnten und durchaus auch an Deep Purple erinnern.

Der Sound des Albums ist einfach grandios. Die Gitarren sind unglaublich intensiv und fett, aber niemals in dieser unangenehmen Weise, wie das bei so vielen Synthetik-Metal-Produktionen der Fall ist, sondern sehr raum-öffnend. Sicher, Rammstein haben die Resourcen, mit den besten Künstlern zusammenzuarbeiten, das weiß man.

 

Das Cover kommt ohne Schriftzug aus. Die beiden Vinyl-Alben klingen hervorragend, sind aber nur über 45 Umdrehungen abspielbar, was Besitzer von Pro-Ject-Plattenspielern bedenken sollten. Als Zusatz gibt's Karton-Fotografien der Bandmitglieder, die visuell mehr als gelungen sind und sicher von vielen Die Hard-Fans an die Wand genagelt werden.

Es ist für ein neues Album immer schwierig, in direkte Konkurenz zu treten mit solch großartigen Klassikern, aber objektiv sind hier Songs vertreten, die kompositorisch hier mithalten können. Textlich bin ich mir aber nicht so sicher. Hier fehlt die inhaltliche Vielfalt etwas.

9/10 Punkte

 

https://truck.rammstein.de/de/

 

 

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