Interview

Steven Wilson, besser bekannt als Entertainer

|   Fotos

Steven Wilson spielte zum ersten Mal im Museumsquartier in Wien. Dieses stylische Ambiente passt perfekt zu einem Stilisten wie Wilson. Das Museumsquartier besticht durch eine sehr hohe Raumhöhe und einem architektonisch äußerst schönen Konzertsaal. Die Halle E soll für über 2000 Besucher gedacht sein. Der hintere Teil  besteht aus einer Sitztribüne, ist aber aufgrund der relativ langen Halle nicht wirklich empfehlenswert.

 

Steven Wilson gab sich auf seiner Home Invasion-Tour gleich 2 mal die Konzert-Stadt Wien. Vor knapp 1 Jahr bespielte der Brite das Gasometer mit einem relativ ähnlichen Programm. 12 Songs, also etwas mehr als die Hälfte des 3-stündigen Programms waren identisch. Hochklassige Musik kann man aber auch öfters genießen.

 

Wieder zeigte sich die Erkenntnis, dass Wilson gerade live noch besser ist als auf Tonträger. Zum einen liegt es an den genialen Video-Filmchen, die auf ein vor der Bühne hängendes Netz gebeamt werden und einen ziemlich coolen 3D-Effekt vermitteln. Diese sehr stylischen Videos kommen einfach cool rüber, egal ob Gesellschaftsanklage oder sentimentaler Liebestaumel. Jeder Film-Filter sitzt perfekt, alles schaut aus wie auf einem erstklassig gemachten Instagram-Bild. Die Animations-Videos sind state of the art und erzeugen über die Musik eine unglaubliche Intensität. Deshalb ist eine Steven Wilson-Show auch eine audio-visuelle Gesamt-Angelegenheit. Jenen, die meinen, eine perfekt inszenierte Show würde von schlechter Musik ablenken, sei als Gegenthese eine Steven Wilson-Show ans Herz gelegt.

 

Als Solo-Künstler agiert Wilson um Längen elegischer und zuweilen auf Singer/Songwriter-Level relativ abgerüstet, was Arrangements betrifft. Viele Songs sind klassische Akustik-Songs mit ein paar Klang-Kollagen. Die Hälfte der Songs auf dieser Tour sind dann auch von der ruhigen Sorte, aber es gibt selbstverständlich genügend Eruptionen und völlig abgefahrene Extrem-Parts, die übrigens nicht nur von Porcupine Tree sind, sondern auch durchaus bei einigen Songs aus seinem Solo-Fundus auftauchen. Hier stimmt das Klischee vom zahmen Solo-Künstler nicht ganz. Von Porcupine Tree gab's übrigens Lazarus, Sleep Together, Don’t Hate Me, Sentimental und The Sound Of Muzak zu hören. Gerade die leisen Passagen sind es aber, die dem Abend so ein positiv-melancholisches Flair verleihen und vielleicht ist Steven Wilson auch deshalb so stark wie nie zuvor, weil er als Solokünstler noch stärker auf Songs setzt als auf trancige Elemente.

 

Steven Wilson ist auch ein begnadeter Entertainer. Mindestens 20 Minuten der 3-Stunden-Show + Pause ist britisch gefärbtes Rock’n Roll-Kabarett. Wilson nimmt sich selbst nicht so ernst und erklärt dem jungen Teil des Publikums auch mal, was eine eigentlich Gitarre ist. Immer wieder lockert er die musikalisch ernste Show auf. Wer Mikael Åkerfeldt von Opeth schätzt, wird auch Steven Wilson mögen.

 

 

Wie schaut der klassische Steven Wilson-Fan aus? Den gibt es bekanntlich nie. Klar, die Berufsmusiker-Polizei ist bei jedem Prog-Konzert anwesend, aber bei Steven Wilson tummeln sich doch ganz andere Musikfreaks als beispielsweise bei Dream Theater, deren Publikum deutlich Metal-fixierter ist. Viel Studenten-Publikum, alternde und junge Musiker sind hier anwesend. Alles wirkt sehr gediegen. Man wähnt sich fast im Theater. Rock’n Roll-Vibes spürt man eher nicht. Bildungsbürgertum-Publikum ist heute anwesend.

 

Interessant ist ja die Interaktion des Publikums bei verschiedenen Genres. Bei Prog-Konzerten ist die Bewegung im Publikum bei 0,0%, weil Kopfkino. Der Applaus ist dennoch stets frenetisch, die offenen Münder trinken interessanter wenig Bier, geben aber sogar Szenen-Applaus bei virtuosen Glanzleistungen. 

 

3 Stunden Wilson vergehen so rasant und kurzweilig, dass die meisten im Publikum auch noch für eine vierte Stunde zu begeistern gewesen wären. Es gab schlicht keine Längen und auch sehr wenige langatmige Passagen. Höhepunkt wie immer The Raven That Refused To Sing mit dem so gefühlvollen Video.

Zurück