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Politics is Rock'n Roll for ugly People - One Evening with Bruce Dickinson

Erstellt von Aamon | |   Story

Lesungen finden normalerweise im kleinen Rahmen statt, meist in Buchhandlungen, nicht aber, wenn der Vortragende Bruce Dickinson heißt und seine eigene Biographie vorstellt. Die Halle F in der Wiener Stadthalle , die einem gigantischen Kinosaal gleicht, war gut gefüllt, wenngleich nicht ausverkauft. 

 

Selbstverständlich sieht man an diesem Abend niemanden vom Wiener Feuilleton, dafür schleichen ab 17 Uhr immer mehr Maiden-Fans um die Wiener Stadthalle. Das Publikum ist international. Aus halb Europa sind Fans nach Wien gekommen, um der Lesung aus dem Buch What does this button do? zu folgen.

 

Auch der österreichische Iron Maiden-Fanclub Maiden United ist vertreten und verteilt Poster und Bücher, die bei Gewinnspielen gewonnen wurden. Das Foyer öffnet sich und man spürt eine gewisse Aufregung und  Neugier. Niemand weiß wirklich genau, was zu erwarten ist. Einige Fans schreiben  Fragen auf bereitgelegte Flyer, die Bruce übergeben werden für die zweite Hälfte des Vortrages.

 

Pünktlich um 20 Uhr betritt Mr. Dickinson die Bühne und steigt mit der gleichen Power ein, wie man es von seinen Band-Auftritten gewohnt ist. 1 Stunde und 45 Minuten ohne Unterbrechung gibt's unzählige Anekdoten aus seinem Leben, aber auch Rundumschläge gegen Politik und Gesellschaft. Hauptsächlich behandelt Bruce die ersten Kapitel seines Buches. Er erzählt von seinem Vater, einem Grubenarbeiter, und seine frühe Schulzeit bis hin zu seiner relativ erfolglosen Studentenzeit. 

 

Selbstverständlich kommt auch die vom Buch bekannte Pinkel-Attacke auf seine Lehrer zur Sprache. Bruce bringt immer wieder ins Spiel, dass er große Probleme mit Autoritäten hatte. Als Bruce vor 2 Jahren bei den Game Changers in der Marx-Halle Wien als Motivations-Coach aufgetreten ist, dachte ich erst, jetzt macht der gute Bruce tatsächlich einen auf neoliberal. Seine Firmenbeteiligungen und all seine anderen Aktivitäten wiesen darauf hin. Aber das entsprach nicht den Fakten. Vielmehr war das damals ein Vortrag über persönliche Sinngebung und positives Denken.

 

Dass Bruce eher im sozial-liberalen Bereich zu Hause ist, bestätigte er nicht nur mehrmals im Buch, sondern auch hier. Public Schools sind keine öffentlichen Schulen, das sind überteuerte Privatschulen, wo reiche Familien auch ihre weniger begabten Zöglinge gerne abgeben. Das britische Parlament und die Brexit-Debatte würde das bestens belegen, man braucht sich die Leute ja bloß anschauen. Bei politischen Themen redet sich Bruce auch mal in Rage.

 

Politics is Rock'n Roll for ugly People

 

Etwas zu lang geriet der anfängliche Part über seine ersten Bands und vor allem über Samson, seiner ersten ernst zu nehmenden, sehr skurillen Band, die alles falsch gemacht hat, was man im Musikbusiness falsch machen kann.

 

Bruce agiert generell sehr emotional. Seine Hände sind ständig in Bewegung. Auch seine Haare wischt er sich immer wieder zurück. Seine humorvolle, geistreiche Art, Geschichten zu erzählen, kommt sehr gut an. Eines ist aber auffällig: Bruce neigt zum satirischen Overacting. Wenn er einen laufenden Menschen simuliert, hoppelt er herum wie ein Hase. Wenn er Nicko McBrain simuliert, hält er seinen Finger auf den Nasenrücken und erntet natürlich Lachstürme.

 

Ich dachte immer, dass Nicko der Spaßvogel bei Maiden ist. Bruce macht es aber exakt gleich. Einige Male musste ich genau hinschauen, ob wirklich Bruce da oben steht. Gut, sie waren jahrzehntelang zusammen auf Tour, da nimmt man sicher auch vieles vom anderen an. Diese ständige Übertreibung und der schwarze, leicht lethargische britische Humor wirken zwar gegensätzlich, aber ergeben dennoch ein rundes Bild. Es funktioniert.

 

Bruce zeigt immer wieder ausgewählte Bilder aus seinem Leben und aus der Mottenkiste von Iron Maiden. Das meiste wird mit sehr viel Selbstironie kommentiert. Der modische Beitrag über clowneske Spandexhosen ist natürlich ein Lachschlager.

 

Richtig emotional wird Bruce beim Thema Sarajevo, als er in den 90ern sein Leben riskierte, um einen Gig dort zu spielen mitten im Kriegsgebiet. Auch sein Beitrag über seine Krebserkrankung war natürlich ernst angelegt, doch war ihm eine positive Grundhaltung wichtig.

 

Selbstverständlich hat Bruce auch sein Trooper-Bier angepriesen. Das Bier gibt es mittlerweile in vielen Ländern zu kaufen, auch in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Gleichzeitig war er alles andere als angetan vom Gösser-Fläschchen, aus dem er immer wieder widerwillig nippte. Dafür hat er den Schnaps seiner ungarischen Freunde gelobt, mit denen er beim nächsten Mal in Budapest sicher einen heben geht. 

 

Nach der vierstelstündigen Pause gab's dann das langerwartete Fragespiel. In einer knappen Stunde beantwortete Bruce zahlreiche Fragen, viele waren interessant, einige völlig idiotisch oder skurill. Natürlich ist der Tausendsassa auch bei spontanen Fragen sehr gut unterwegs und irgendwie kann man natürlich jede Frage auf weitere Anekdoten zurechtdrehen. So gab's auch die aus dem Buch bekannte, sehr ausführliche Geschichte zu Nicko Mc Brains Flugkünsten zu hören auf eine allgemein formulierte Flugsicherheitsfrage.

 

Klassische Maiden Nerd-Fragen kamen natürlich auch und nein, Maiden spielen die Songs im Gegensatz zu anderen älteren Bands immer noch in der gleichen Tonart. Er selbst habe sogar an Tönen dazugewonnen in bestimmten Bereichen seit seiner Krankheit. Wirklich interessant war der Hinweis, dass es mit ziemlicher Sicherheit ein Solo-Album geben wird, aber nicht vor übernächstem Jahr. Iron Maiden selbst haben scheinbar ihr neues Album bereits in Paris aufgenommen, aber das ist nur ein Gerücht, was mir im Publikum erzählt wurde. In den Pausen wurden ausschließlich Solo-Songs gespielt. Diese Alben sind allesamt unterbewertet und man kann wirklich jedem Metalfan nur den Tipp geben, hier mal wieder reinzuhören.

 

Am Ende nahm Bruce sein Mikro runter, um ein wenig über Gesangstechnik kontra Produktionstechnik zu erklären und er gab ein fantastisch gesungenes, spontanes Revelations ohne Mikro zum besten. Der letzte Ton war kaum verklungen, drehte sich der Meister um und verließ die Bühne nach über 3 Stunden gleich eilig, wie er gekommen war, ohne nur einen einzigen Blick ins Publikum zu werfen.

 

Sehr viele Fans hatten Bücher mit dabei, aber es half weder ein Warten, noch ein Klatschen, Bruce kann man auf seiner Lese-Reise nur zufällig treffen, Signier-Stunden sind nicht inbegriffen.

 

 

 

 

 

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